Thomas Meyer rockt die Juventus

Bild Lesung Thomas Meyer Juventus

Auf den ersten Blick wirkte er fast ein bisschen schüchtern, doch sobald er seinen Mund öffnete, war allen klar: Sprache ist seine mächtigste Waffe. Thomas Meyer war am 8. Mai zu Gast bei der Juventus und las aus seinem rund 80‘000 mal verkauften Buch «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse».

Für seine Einleitung erhielt Moderator Urs Bühler, NZZ-Redaktor und Juventus-Dozent, ein von Thomas Meyer auf die Wandtafel gemaltes Herzchen. Dies war nur eine von vielen kleinen ironischen Giftspitzen, die sich die beiden Herren auf der Bühne zuschossen, wodurch die sonst schon lebendige Lesung zu einem noch grösseren Vergnügen wurde. Es war das 175. Mal, dass Thomas Meyer aus dem «Wolkenbruch» las. Der routinierte Erzähler verstand es offensichtlich, das Publikum zu fesseln: Die Aufmerksamkeit der rund 80 Teilnehmer blieb während anderthalb Stunden auf die Bühne gerichtet. Genau wie bei einem Rockstar, ein Vergleich, den auch Thomas Meyer machte: Er mag beide Aspekte des künstlerischen Prozesses gern, das Werk zu schreiben und es dann für ein Publikum zu performen.

„Da wir uns in einer Schule befinden, gibt es heute einen Jiddisch-Kurs“, lautete die Ansage des Autors. Das Publikum zitterte ein bisschen, die vielen Lehrpersonen darunter fanden es ungewohnt, plötzlich auf der anderen Seite zu sitzen. Ganz so schlimm wurde es dann doch nicht: «Wolkenbruchs wunderliche Reise» ist zwar mit jiddischen Wörtern gespickt, aber die deutsch-jiddische Sprache bekamen alle schnell in den Griff.

Mordechai «Motti» Wolkenbruch wurde im jüdischen Viertel Zürichs in einer orthodoxen Familie geboren und ist nun alt genug, dass sich seine Mame der Schidech (der Heiratsvermittlung) widmen kann. Motti teilt diese Meinung nicht, zumal alle Kandidatinnen, die ihm seine Mutter vorstellt, Duplikate ihrer selbst sind. Nach einem Ausflug inklusive One-Night-Schtup ins Hippieviertel von Tel Aviv beginnt er, sich in eine Zürcher Schickse zu verlieben, eine nicht-Jüdin; ganz zur Verzweiflung seiner Mutter und zum Genuss der Leserinnen und Leser.

Wieviel aus der Geschichte zur Realität gehöre, sei eine der meistgestellten Fragen. Deshalb beantwortete sie Thomas Meyer gleich selbst: Das Buch sei nicht autobiographisch, obwohl das «manche Leute behaupten». Er stammt auf jeden Fall nicht aus einem orthodoxen Umfeld, kennt aber die jüdische Gemeinschaft und ist zweifellos ein aufmerksamer Beobachter: „Sehen Sie in Zürich einen Toyota Previa, liegt die Wahrscheinlichkeit bei ca. 95%, dass am Steuer ein orthodoxer Jude sitzt.“

Für das Buch musste sich Thomas Meyer jedoch in die Bräuche des Judentums einlesen. Sein Fazit: „Falls jemand Jude werden möchte, würde ich es nicht empfehlen: Das Essen ist zwar besser, aber das Leben wird komplizierter. Mir persönlich bedeutet Religion genauso wenig wie Fussball: Beide könnten von mir aus von einem Tag auf den anderen einfach verschwinden!“ Thomas Meyer erklärte, dass er zwar Jude sei, aber nicht religiös. Judenfeindliche Bemerkungen, mehr oder weniger absichtsvoll, habe er sein Leben lang gehört. Ein latenter Antisemitismus sei seiner Meinung nach immer noch stark verbreitet, sei es in der Form direkter Kommentare oder als belächelndes Hinunterschauen, welches ebenfalls gefährlich ist.

Der Autor erheiterte das Publikum zum Schluss noch mit der Zugabe-Lesung einer Kurzgeschichte über chinesische Tattoos und deren Übersetzung. Danach nahm er sich Zeit, die von der Buchhandlung im Volkshaus verkauften Bücher zu unterschreiben und mit den Menschen zu sprechen. Der Apéro im Anschluss war zwar nicht koscher, aber sehr fein. Apropos jüdische Lebensmittel: Wenn Sie das Matzemehl für das Knajdl-Rezept am Ende des Buches suchen, finden Sie es im Koscher-City oder im Coop Wiedikon.

Sie können ein vom Autor signiertes Exemplar vom «Wolkenbruch» gewinnen, wenn Sie uns eine E-Mail an info@juvenews.ch senden. Die schnellste Antwort auf die Frage, wie das jiddische Wort für E-Mail lautet, verhilft Ihnen zu diesem Lesespass.